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Schweizerischer Altphilologenverband
Association Suisse des Philologues Classiques
Associazione Svizzera dei Filologi Classici |
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KartoffelSchön wär's, wenn die Trüffelschweine in der Toskana oder im Périgord sich plötzlich aufgeregt quiekend auf einen gewöhnlichen Kartoffelacker stürzten und da statt der gewöhnlichen Kartoffelknollen (Solanum tuberosum) lauter edle Trüffelknollen (Tuber brumale oder melanosporum) zu Tage förderten. Schön wär's - aber so schön ist's ja wirklich, wenn ein philologischer Trüffelhund auf dem wortgeschichtlichen "Kartoffel"-Acker zu schnüffeln anfängt: Da muss er seine Spürnase gar nicht so tief in die Lexika stecken, um sogleich auf die herrlichsten italienischen oder französischen Trüffeln zu stossen. Die Geschichte der "Kartoffel" beginnt um die Mitte des 16. Jahrhunderts, als die fremde Knolle in der Kriegsbeute der spanischen Konquistadoren aus Südamerika nach Europa kam, zunächst auf die iberische Halbinsel und ins Burgund, dann weiter nach Italien. Mit der exotischen Knolle ist ihr indianischer, genau: ihr haïtischer Name patata alias batata in den europäischen Sprachen heimisch geworden; daher heisst die Kartoffel von Anfang an im Spanischen und Portugiesischen patata beziehungsweise batata und später auch im Italienischen patata und im Englischen potato. Soweit ist von Trüffeln noch nichts zu sehen und noch nichts zu riechen. Doch als die Kartoffel im späteren 16. Jahrhundert in Italien Einzug hielt, ist der Name der Trüffelknolle, des tartufolo, auf die ähnlich aussehende und anfangs ja auch ähnlich exklusive Kartoffelknolle übergegangen, und unter diesem Namen ist die Exotin aus der Neuen Welt dann auch über die Alpen in die deutschsprachigen Länder weitergezogen. Das Italienische ist später wieder zur ursprünglichen patata zurückgekehrt; im Deutschen dagegen hat sich statt des indianischen das italienische Wort eingebürgert; da begegnet uns im 17. Jahrhundert zunächst eine tartoffel und bald darauf - mit einer so genannten "Dissimilation" des anlautenden "T" zum "K" - die uns vertraute "Kartoffel". Ein ordentliches Trüffelschwein gibt sich nicht mit der ersten Knolle zufrieden, und ein ordentlicher philologischer Trüffelhund erst recht nicht. Wenn wir hier weiterschnüffeln, stossen wir gleich hinter dem italienischen tartufolo, "Trüffel", auf ein klassisch-lateinisches terrae tuber, eigentlich: "Erdauswuchs". Das Substantiv tuber, dessen Verkleinerungsform in der "Tuberkulose" fortlebt, bezeichnete eine Beule, eine Schwellung, einen Auswuchs, einen Höcker; die Bezeichnung der Trüffeln als terrae tuber, "Erdauswuchs", deutet auf die in der Antike verbreitete Ansicht, dass diese Trüffeln nicht aus einem Samen, sondern unter der Wirkung heftiger Gewitter aus der blossen Erde hervorgehen. Dieses bildhafte terrae tuber, dieser "Erdauswuchs", ist wie im Italienischen zum tartufolo, so im Französischen zur truffe zusammengeschnurrt; und wie aus jenem tartufolo im 17. Jahrhundert die "Kartoffel", so ist aus dieser truffe alias truffle im 18. Jahrhundert die "Trüffel" ins Deutsche gekommen. Zwei Wege, zwei Wörter, zwei Welten: Weder im Alphabet des Wörterbuchs noch in den Regalen des Supermarkts stehen die beiden heute noch beieinander. Der exklusiven "Trüffel" mag es durchaus recht sein, dass ihre alte Namenspatenschaft für die exotische "Erdknolle" so völlig in Vergessenheit geraten ist. Sie hat sich neuerdings eine andere, feinere Patenschaft zugelegt: für die wenn schon nicht grammweise, so doch auch nicht sackweise, sondern immerhin stückweise gehandelten Schokoladen- oder Champagnertrüffel. Klaus Bartels Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001. | ||
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Update: 7.5.2010
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